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Zwischen den Kriegen

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partager sur Google+ partager sur Twitter partager sur Facebook   Publié le 18-11-2019

Zwischen den Kriegen

Zwischen den Kriegen

Prolog

1918. Nach dem Ersten Weltkrieg bleibt Europa ungeordnet und erschüttert zurück; mehr als 10 Mio. Tote sind zu beklagen, davon 2 Mio. Zivilisten. Die Überlebenden - oftmals verwundet, verkrüppelt, vergast, zerbrochen, Witwen, Waisen - werden zur neuen Belastung für die Staaten. Umkämpfte Orte und Regionen sind verwüstet.

Zum ersten Mal in der Geschichte betrifft ein Konflikt alle Ebenen der Gesellschaft, Zivilisten und das Militär, Männer und Frauen aller Generationen. Der Konflikt hat alle Energien mobilisiert. Die Generationen werden durch eine deutliche Brutalisierung geprägt, und so entsteht eine neue Auffassung von Gesellschaft und Zivilisation. Alles basiert nun auf einer Kultur des Krieges und der Nachkriegszeit.

Erster Akt: Der unmögliche Friedensprozess

Der Versailler Vertrag, der nach dem Ersten Weltkrieg zwischen den Alliierten und Deutschland geschlossen wurde, markiert das Ende des Übergangs vom alten Europa - einem Europa der multinationalen Reiche - zu einem Europa der Nationalstaaten. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das Prinzip der Nationalstaaten, der Wunsch nach einer offenen und nicht mehr geheimen Diplomatie sind die Grundpfeiler bei der Ausarbeitung des Friedensvertrags. So soll eine neue europäische und internationale Ordnung entstehen, in Anlehnung an das 14-Punkte-Programm von US-Präsident Thomas Woodrow Wilson (Januar 1918), das später vom Völkerbund verwaltet wird.

Trotz einiger positiver Elemente kann der Versailler Vertrag - im Gegensatz zur Wiener Kongreßakte von 1815 - die europäische Ordnung nicht stabilisieren. Er ist zu juristisch, zu wenig realistisch, zu sehr geprägt von den Anliegen der Sieger. Durch die neuen zusammengesetzten oder erweiterten Staaten sind ebenso viele Probleme entstanden wie gelöst wurden. Tatsächlich ist das Modell der Nationalstaaten der einzige Anhaltspunkt für die neuen Staaten, die aus dem Zerfall multinationaler Reiche wie Österreich-Ungarn entstehen. Sie werden von Staaten abgelöst, die sich als Nationalstaaten darstellen. Die meisten von ihnen bestehen jedoch nicht nur aus einer Mehrheitsnation, sondern auch aus nationalen Minderheiten. Die Westmächte, die die Teilung der multinationalen Reiche und das Entstehen neuer Staaten unterstützt hatten, können das Problem dieser Minderheiten keineswegs lösen. Dies führt zu extremen Spannungen und fördert totalitäre Gedanken.

Zweiter Akt: Ein äußerst zerbrechlicher Frieden

Parallel zum Versailler Vertrag entsteht eine internationale Vereinigung: der Völkerbund. Er fördert die Gleichheit der Staaten, Solidarität und Frieden. Von Anfang an ist er geschwächt, durch die Abwesenheit von Großmächten (Russland, USA) und besiegten Staaten. Die neue amerikanische Regierung und das britische Königreich verweigern die Ratifizierung der Verträge. Das sowjetische Russland, unter Lenin und den Bolschewiken, steht vor einer doppelten Problematik: Im Bürgerkrieg steht die Rote Armee sowohl internen Gegnern als auch ausländischen Einmischungen gegenüber, während kommunistische Revolutionäre in Europa, insbesondere in Deutschland und in Ungarn, das bolschewistische Modell zum Aufstand nutzen, der aber von den regulären Armeen niedergeschlagen wird. 1922 wird Russland zur Sowjetunion und von den europäischen Großmächten anerkannt.

In Westeuropa sieht sich Frankreich als alleiniger Vertreter der kontinentalen Ordnung und fordert eine führende Rolle. In Deutschland wird die Weimarer Republik zwischen 1921 und 1923 durch wirtschaftliche Probleme geschwächt. So kann sie den Verpflichtungen aus dem Versailler Vertrag nicht mehr nachkommen. Zur Reduzierung der Schulden wird eine Inflation zugelassen.

Nach einer Periode der strikten Vertragseinhaltung entspannen sich die internationalen Beziehungen, verbunden mit einer Zeit des Wohlstands von 1924 bis 1929. Man spricht vom „Genfer Geist“ (Genf ist der Sitz des Völkerbunds). 1926 wird Deutschland in den Völkerbund aufgenommen. Aber der Frieden ist äußerst zerbrechlich.

Dritter Akt: Große Illusionen

Am 22. Oktober 1929 führt der seit Monaten spürbare wirtschaftliche Rückgang in den Vereinigten Staaten zum Einbruch am Börsenmarkt. Zwei Tage später wird der Riss zu einem Crash. Millionen Aktien werden auf den Markt gebracht und finden keinen Käufer. Panik bricht aus. Das gesamte Bankensystem, das sich auf Kredite und Vertrauen stützt, bricht zusammen. Die Folge: Ruin, Konkurse, Investitionsstopps, Verringerung der Produktion und des Konsums. Viele Länder leiden unter den Auswirkungen der amerikanischen Wirtschaftskrise.

In den einzelnen Ländern zeugt die Schließung der Grenzen, gefolgt von einer umgehenden deflationären Geldpolitik, von der mangelnden Solidarität. Der „Genfer Geist“ ist Geschichte. Die Wirtschaftspolitik wird geprägt durch nationalistische Tendenzen und Rückzug. Autoritäre Industrienationen wie Deutschland, Italien und Japan wenden sich der Rüstungsindustrie zu, werden möglichst autark und zeigen ihre Aggressivität auf der Suche nach “Lebensraum”.

Zunehmende internationale Spannungen schaffen Raum für neue bilaterale Beziehungen, die defensiv sein sollen, die aber die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern der Friedensverträge erst recht deutlich machen. Die Demokratien sind in Bedrängnis.

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